Am 26. September ist Verkehrswende- und Klimawahl!

Je nachdem, wo man mitfährt oder wen man fragt, ist die Critical Mass eigentlich eine mehr oder weniger unpolitische Radtour, deren kleiner gemeinsamer Nenner das obligatorische „Wir blockieren nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr!“ ist.

Aber in Zeiten wie diesen ist nichts unpolitisch und eine Critical Mass sowieso nicht.

Es gibt viele Gründe, warum wir am letzten Freitag im Monat auf die Straße gehen auf der Straße fahren, sie heißen Klimaschutz, Verkehrswende und vielleicht auch ziviler Ungehorsam, aber sie heißen auch Scheuer, Dobrindt, Ramsauer und Tiefensee*, die in 16 Jahren GroKo** primär Politik für das Kraftfahrzeug betrieben haben und nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer*innen können gucken, wo sie abbleiben zwischen mehrstreifigen Straßen und Falschparkern.

Natürlich haben nicht jene Verkehrsminister allein die verkehrspolitische Schieflage verursacht, aus der es mittlerweile kaum noch ein Entrinnen zu geben scheint, Verkehrspolitik findet schließlich nicht nur im Bund statt, sondern auch im Land und vor allem auf kommunaler Ebene, wo sich Anwohner*innen und Politiker*innen mehr um Parkplätze sorgen als um sichere Schulwege für ihre Kinder, mehr um die Leistungsfähigkeit einer Kreuzung streiten als um die Anzahl der Bäume, die dieser Kreuzung weichen müssen.

Aber wenn seit 2009 das Bundesverkehrsministerium im christsozialen Bayern beheimatet ist und dort primär Autobahnen baut, dann verwundert es nicht, dass gar der selbsternannte Bundesfahrrad- und Bundesankündigungsminister Andreas Scheuer fürs Fahrrad außer lustigen Versprechungen und helmbewehrten Videos noch nicht so ganz viel auf die Reihe bekommen hat. Und dieses Video können wir noch nicht einmal ruckelfrei ansehen, weil die CSU-Ministerium seit 2013 auch für digitale Infrastruktur zuständig ist.

Will sagen: Es ist Zeit für etwas neues.

Bei dieser Bundestagswahl gibt es die in den letzten Jahrzehnten geradezu einmalige Chance, der Union das Bundesverkehrsministerium wegzunehmen. Und mit etwas Glück bekommen wir eine*n Bundesverkehrsminister*in, die nicht ausschließlich Politik für das Kraftfahrzeug macht, sondern die durch Umwelt- und Klimaschutz gesetzten Grenzen anerkennt, die auf nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer*innen Rücksicht nimmt und es nicht nur bei halbleeren Versprechungen belässt.

Es ist dringend Zeit für einen Wechsel, war es doch ausgerechnet das Bundesverkehrsministerium, das beim Klimaschutz seit Jahren auf der Bremse steht — wir können uns keine weiteren vier Jahre mit einem unionsgeführten Bundesverkehrsministerium leisten!

Damit das klappt, ist vor allem eines wichtig: Dass ihr am 26. September wählen geht.

Es ist übrigens eine gute Idee, rechtzeitig per Briefwahl abzustimmen. Einerseits könnt ihr bei schönem Wetter trotzdem eure Radtour unternehmen und habt bereits abgestimmt, andererseits befinden wir uns in einer Pandemie, die unter Umständen mit einer Quarantäne aufwartet, falls ihr euch infiziert haben solltet. Informationen zur Beantragung der Briefwahl findet ihr auf der Wahlbenachrichtigung, die ihr in diesen Tagen erhalten solltet.

Bei dieser Bundestagswahl darf es keine Ausreden mehr geben: Nichtwählen ist keine Option.t

Warum die Klimakrise kein weiteres Problem auf der Bühne ist, sondern die ganze Bühne bedroht, haben Sara Schurmann und Lea Dohm bei Übermedien aufgeschrieben.

* Tiefensee war Bundesminister der SPD, ** es waren nur zwölf Jahre GroKo, zwischendurch durfte die FDP mal kurz ran. Bei meinen Blogartikeln gelten die selben Qualitätsstandards wie bei Doktorarbeiten, die eine politische Karriere vorbereiten sollen, insofern geht das schon so in Ordnung.

Dezentrale Critical Mass

Heute ist der vermutlich „erste letzte Freitag“ seit Anbeginn der Critical Mass, an dem rund um den Globus keine Radtouren stattfinden.

Im Sinne des Infektionssschutzes sind wir strikt angewiesen, einen möglichst großen Abstand zu anderen Menschen einzuhalten, um die Ausbreitung des SARS-CoV-2 zu verlangsamen. Das verbietet nicht nur lustige Grillabende im frühsommerlichen Stadtpark oder das für viele Menschen gesellige Zusammensein in der Kneipe oder zu Hause, sondern auch gemeinsame Radtouren, die wie von Geisterhand koordiniert am letzten Freitag im Monat durch die Städte rollen.

Weil eine gemeinsame Tour nicht in Frage kommt, wuchs in verschiedenen Städten die Idee, eine dezentrale Critical Mass zu fahren: Anstatt von einem Treffpunkt gemeinsam durch die Stadt zu radeln, fährt jeder für sich unter Einhaltung der jeweiligen Infektionsschutzregelungen. Das klappt natürlich nicht in Ländern oder Städten in Quarantäne oder mit strikten Ausgangssperren.

Vielerorts ist das Verlassen des Hauses unter anderem zur sportlichen Betätigung weiterhin erlaubt und wird vereinzelt zur Stärkung des Immunsystems und der psychischen Gesundheit mehr oder weniger ausdrücklich empfohlen. Insofern spräche nichts dagegen, heute Abend alleine unter Einhaltung der bekannten Sicherheitsmaßnahmen und -abstände eine kleine Runde um den Block zu drehen. Aber wenn ihr euch zu einer kleinen Radtour entscheiden solltet, gilt heute umso mehr: Baut keine Scheiße. Soll heißen: Bedrängt weder andere Menschen, respektiert ihre Sicherheitsbereiche, wartet im Zweifelsfall lieber ab und wählt einen anderen Weg.

Es ist auch vollkommen okay, heute nicht zu fahren und den Abend zu Hause zu verbringen. Auf criticalmaps.net könnt ihr auf einer Karte die Standorte aller Radfahrer verfolgen, die ihre Position mit der App „Critical Maps“ teilen. Bitte versteht das nicht als Möglichkeit, euch in kleinen Gruppen zusammenzufinden, damit tut ihr außer dem SARS-CoV-2 niemandem einen gefallen.

Wenn ihr Lust habt, zeichnet eure Tour mit Strava oder einer ähnlichen App auf, schießt ein paar Fotos von der dezentralen kritischen Masse und ladet sie auf criticalmass.in zu der Tour eurer jeweiligen Stadt hoch.

Eine Bitte zum Schluss: Bleibt gesund — und sorgt dafür, dass andere Menschen gesund bleiben.

Mobilitätswandel vs. Verkehrsinfarkt

„Wenn Stern-Autor Wolfgang Röhl sich so ärgert, müssen wir etwas richtig gemacht haben“ — das wusste schon Stefan Niggemeier vor vier Jahren.

Insofern könnte man die ganze Sache an dieser Stelle beenden und feststellen: Wolfgang Röhl hat sich über die Critical Mass geärgert. Bitte fahren Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Blöd nur, dass sich nunmal irgendjemand mit so etwas auseinandersetzen muss.

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Ein einzigartiges demokratisches Experiment

Die Critical Mass ist Demokratie in ihrer besten Form. So wie die Teilnehmer wechseln, ändert sich die Natur dieses Biestes von Monat zu Monat, von Saison zu Saison, selbst in der gleichen Stadt. In jeder Stadt ist die Critical Mass etwas Anderes, abhängig von der Größe, dem Verhalten der Teilnehmer und der Einstellung der lokalen Behörden. Die Masse verbindet immer wieder unterschiedlichste Wünsche, Ideen und Meinungen und erlaubt individuelle und gemeinsame Reaktionen auf Autofahrer, Fußgänger, Busfahrer, Polizei und die verschiedenen Stadtviertel, durch die sie fährt. Innerhalb der Critical Mass selbst gibt es keine Anführer oder Organisatoren. Genau genommen sind wir alle Organisatoren — aber wir sind nicht verantwortlich.

Das war der Schlüssel zum Erfolg.

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All Critical Mass is Nazi

Manchmal geht die verdiente Mittagspause ganz unverhofft den Bach runter. Der 20. Dezember 2017 war so ein Tag, als Torsten Dirk bei den Ruhrbaronen einen Artikel mit einem leicht clickbaitig angehauchten Titel veröffentlichte:

Fuck you, Critical Mass Berlin Sollen wir den Rechten Ihre Symbole rauben, um sie unschädlich zu machen? Ich möchte diese Frage einmal kurz beantworten: nein. Die Opfer und deren Nachkommen sollen auf Deutschem Boden nicht ständig an diese düstere, böse und faschistische Vergangenheit erinnert werden. Von unserem Gastautor Torsten Dirk.

Der Artikel war, nun ja, der Artikel war „interessant“.

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